[Asperger-Stammtisch Frankfurt am Main]

Autismus: Eigenschaft oder Diagnose?

Unumstritten ist heutzutage, dass Autismus ein Konti­nuum darstellt. All­gemein durch­gesetzt hat sich in der Psychia­trie ein dimen­sionales Ver­ständnis psychi­scher Stö­rungen als Zuspit­zung von Eigen­schaften, die grund­sätzl­ich Be­stand­teil eines nor­malen Wahr­nehmungs- und Ver­haltens­reper­toires sein können, in über­steigerter Form aber zu inter­ventions­bedürf­tigen Pro­blemen mit der Bewäl­tigung von Reali­tät führen und in diesem Sinne als »krank­heits­wertig« ange­sehen werden. Auch »autisti­sche« Eigen­schaften wie eine starke Gebunden­heit an starre eigene Ordnung­smuster und Neigung zu routine­haften und repeti­tiven Verhaltens­weisen, ver­bunden mit geringer kommuni­kativer Flexi­bili­tät und Schwingungs­fähig­keit, können einfach Merk­male einer Persön­lich­keit sein, die nicht »besser« oder »schlechter« ist als andere. Gegen­stand einer Dia­gnose sollten solche Eigen­schaften, wie Christine M. Freitag, Direk­torin der Kinder- und Jugend­psychiatrie der Uni­klinik Frank­furt, zu Recht aus­führt, aller­dings nur dann werden, wenn sie zu »irgend­einer Form von Alltags­einschränkung« führen.[1]

Schon öfters meldeten sich bei uns Eltern, deren Kind eine Autismus­spektrum-Dia­gnose bekommen hat, und ganz plötz­lich glaubt Papa oder Mama, es auch zu haben. Sozial gut eta­blierte und ver­netzte, beruf­lich erfolg­reiche Menschen wollen auf einmal eine Autis­mus-Dia­gnose haben – wofür? Die Erb­lich­keit von Autismus macht es wahr­schein­lich, dass in Familien, wo Fälle von Autismus auftreten, ein gehäuftes Vor­kommen in einem weiteren Sinne autisti­scher Eigen­schaften fest­zustellen ist (hierfür wird die Bezeichnung broader autistic phenotype ver­wendet). Schon Hans Asperger hat bei Eltern seiner autisti­schen Patienten in der Kinder­klinik häufig autistisch anmutende Persön­lich­keits­züge beobachtet. Zu unter­scheiden ist aber zwischen Eigen­schaften, die einfach eine Persön­lichkeit charakte­risieren, und solchen, die ernst­hafte Lebens­erschwer­nisse nach sich ziehen (und sehr häufig zur Folge haben, dass normale Lebens­ziele wie erfolg­reiche Berufs­tätig­keit oder die Gründung einer Familie nicht erreicht werden). Letz­tere recht­fertigen eine Dia­gnose, jene nicht. Eine Auf­weichung dieser Unter­scheidung hat fatale Folgen für Menschen, die eine Dia­gnose brauchen, um Ansprüche auf Unter­stützung und Nach­teils­ausgleiche durch die Solidar­gemein­schaft geltend machen zu können.

Die Tendenz zu einer zunehmend inflatio­nären Anwen­dung der Dia­gnose »Autismus« auf Bagatell­fälle hängt zweifel­los damit zusammen, dass viele Menschen heutzutage eine Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« vom Psy­chiater oder Psycho­thera­peuten erwarten. Das aber verfehlt den Sinn und Zweck der Nerven­heilkunde.

  1. Deutschlandfunk Sprechstunde vom 26. 2. 2013: Autismus wird zur Trenddiagnose.  ↩